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Frau Knobel weiß immer Rat

Ein Beitrag der Hersfelder Zeitung vom 18. März 2025

Bad Hersfeld – Ein Pilotprojekt bringt Krankenschwestern wieder an die Schulen in Hessen. Statt zurück zu Kittel und strenger Hochsteckfrisur, wie in den 50er Jahren, setzen die Schulämter auf einen modernen Ansatz bei den Fachkräften, die Lehrer und das Gesundheitssystem entlasten sollen. Das spart nicht nur Geld, es soll auch die Gesundheit und das Wohlbefinden der Schüler stärken. Corinna Knobel ist eine der 35 Fachkräfte in Hessen, die erste Gesundheitsfachkraft im Kreis Hersfeld-Rotenburg und an der Gesamtschule Obersberg angestellt.

In dem hellen, langen Krankenzimmer mit den großen Fenstern und dem Blick über die Bad Hersfeld Innenstadt hat die 47-Jährige Klarschiff gemacht. Hat Rettungstragen und Kisten mit Übungs-Verbandszeug in den Raum nebenan geräumt, einen neuen Rollstuhl angeschafft, sich von der Makerspace AG eine Handhygiene-Station aus dem 3-D-Drucker bauen lassen und die Regale mit Zahnrettungsboxen, Frauenhygieneartikeln und Kratzkarten gefüllt.

Laut Schulleiterin Kerstin Glende besuchen 1060 Schüler die GSO. Der Bedarf nach einer Gesundheitsfachkraft war da, drei Bewerbungen landeten auf dem Tisch der Schulleiterin. Eine stach heraus: „Frau Knobel hatte die beste Qualifikation“, erklärt Glende die Auswahl. Die Aufgabenflut kam schon kurz nach dem Start – deutlicher als zunächst vermutet. Glende sagt heute, beinahe ein Jahr nach dem Start des Pilotprojekts: „Ich weiß gar nicht mehr, was wir ohne sie machen würden.“

Bei so viel Lob wird Knobel verlegen und lacht. Gute Laune und eine Kiste voller bunter Teesorten, nicht nur das bietet sie „ihren Kindern“, wie sie ihre jungen und älteren Patienten nennt. Die gelernte Kinderkrankenschwester und Baby-Schwimmkursleiterin ist vom Krankenhausalltag im Klinikum an die Schule gewechselt. Dass sie eine neue Stelle angetreten hat, die bisher einzigartig ist, hat ihr zunächst ein mulmiges Gefühl gegeben. „Aber ich will weiterkommen und einen Job, den ich kreativ und frei mitgestalten kann“, sagt sie.

Langeweile komme bei ihr – entgegen so mancher Vorurteile vielleicht – nicht auf: „Mal drei Pflaster kleben ist nicht! Die Schüler stehen schon morgens vor meiner Tür.“ Dazu klingelt das Telefon in regelmäßigen Abständen, Eltern und Lehrer suchen Rat oder Knobel tauscht sich mit anderen Gesundheitsfachkräften in ganz Hessen aus. Dann kommt Ubus-Kraft (Unterrichtsbegleitende Unterstützung durch eine sozialpädagogische Fachkraft) Jens Martin vorbei, er berichtet von zwei Schülern, die sich nicht konzentrieren können, einer leidet regelmäßig unter Kopfschmerzen. Knobel hört sich die Fälle an, die beiden entscheiden sich für ein Kopfschmerzprotokoll. Der Schüler soll später bei ihr vorbeischauen. „Sie dokumentieren, wann sie Schmerzen haben, ob sie etwas gegessen und getrunken haben und so weiter. Dann habe ich etwas in der Hand und kann mit den Eltern sprechen“, sagt Knobel.

Die Kinder-Krankenschwester versorgt aber nicht nur akute Fälle, sie unterstützt auch chronisch kranke Kinder, die zum Beispiel unter Diabetes leiden, macht praktische Versuche zu Hygiene im Unterricht, ist Vertrauensperson, auch bei seelischen Beschwerden. „Ein niederschwelliges Angebot“, nennt das Glende. „Ich gebe keine Noten, unterrichte nicht. Die Gespräche sind auf einer ganz anderen Ebene“, sagt Knobel. 205 Kinder waren allein in diesem Jahr schon bei ihr. Ihre Stelle setzt ihr allerdings auch Grenzen. Medikamentengabe oder mal ein aufmunterndes Schulterklopfen sind ein schwieriges Thema. „Ich bin kein Arzt“, stellt Knobel klar. Klopft es dann aber leise an ihrer Tür und die Kinder erzählen in vertraulichen Gesprächen von ihrer Mama, die sich nicht kümmern kann oder vermissen den kürzlich verstorbenen Opa, dann ist die professionelle Kinder-Krankenschwester auch Mutter. Sie hat einen 11-jährigen Sohn.

Besonders bedrückend sind für die Schulgesundheitsfachkräfte Kinder, die sich bewusst selbst verletzen, dann müssen auch Eltern und Lehrer informiert und Lehrer eingeschaltet werden. Kleine Tricks hat die 47-Jährige aber immer parat. In einem Körbchen bewahrt sie Düfte, „Herzenssteine“ und Kratzkarten auf. Alles, was ablenkt, kann betroffenen Kindern helfen. Mit der „Igelpolizei“ beruhigt sie nervöse Schüler. Das hat sie aus dem Babyschwimmen mitgebracht. „Können sich die Kinder nicht konzentrieren, machen wir eine kurze Unterrichtspause und die Schüler massieren sich gegenseitig mit den Igelbällen“, sagt Knobel. Das Konzept haben einige Lehrer bereits übernommen.

Die Zeit, sich angemessen mit der körperlichen und mentalen Gesundheit der Kinder zu beschäftigen, sei wichtig, entlaste Lehrer und Eltern, sagt Knobel. Auch, weil nicht jeder Besucher tatsächlich Hilfe braucht. „Ich bin Detektiv“, sagt Knobel. „Ich filtere den Quatsch raus.“ Immerhin würde so mancher Teenager seine Unterrichtszeit lieber auf der Krankenliege als im Klassenraum verbringen.

Knobel ist vorgewarnt, als eine Dreiergruppe nach der Großen Pause kichernd in den Sanitätsraum stolpert. Ein Mädchen hat angeblich eine schwere Kopfverletzung. Die Gesundheitsfachkraft untersucht das Mädchen und wittert den Schwindel. Einer der Jugendlichen richtet sich am Waschbecken die Haare, da reicht es Knobel. „Ich sehe schon, ihr seid schwer verletzt, jetzt raus mit euch, ab in den Unterricht“, ruft sie. Der raue Ton kommt an, grinsend ziehen die Kinder ab. „Die kennen meinen Sarkasmus schon, aber man kann sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen.“

Dann nutzt sie eine Besucher-Pause für Papierkram. Morgen steht eine Fortbildung an. Aber die Vertretung im Notfall steht schon in den Startlöchern. „Die Sanis (Schulsanitätsdienst) sind immer einsatzbereit“, sagt die Schul-Gesundheitsfachkraft und schaltet ihren Computer ein.

Entlastung für Schule und System

Ein Gutachten, an dem unter anderem die Technische Hochschule Mittelhessen mitgearbeitet hat, zeigt, dass es an Schulen in Hessen, die eine Gesundheitsfachkraft angestellt hatten, deutlich weniger Rettungswagen-Einsätze nötig waren, als an Schulen, an denen es die „Krankschwester“ nicht gab. An Gesamtschulen sind so um den Faktor 2,77 verringerte Einsätze zu verzeichnen. Das entlastet auch das Gesundheitssystem: Bis zu 20 Prozent der jährlichen Gesamtkosten könnten bei einem flächendeckenden Einsatz eingespart werden, so die Gutachter. Das wären bis zu 2,2 Millionen Euro jährlich, rund 3500 Euro pro 1000 Schüler.

Text und Fotos: KIM HORNICKEL

 Knobel Martin

Jens Martin und Corinna Knobel entwickeln einen Plan, wie sie Schülern helfen können.

 

Knobel vor dem Versorgungsschrank

In ihrem Versorgungsschrank bewahrt Knobel Zahnrettungsboxen auf, die auch zum Einsatz kommen.

 

Pulsmessgerät wird am Finger einer Hand eines Schülers angelegt

Mit einem Pulsmessgerät kann Knobel ihre jungen Patienten untersuchen.

 

Hand unter einer Box, die lila leuchtet und auf der Hand weiße Stellen zeigt

Die Handhygiene-Station zeigt Ablagerungen, wenn die Hände nicht ordentlich gewaschen sind.

 

 

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